Wie Schweine fühlen
Haben Tiere Emotionen? Und wie kann man auf wissenschaftlicher Basis ihr Wohlbefinden messen? Wissenschaftler aus dem Forschungsbereich Verhaltensphysiologie des FBN betrachten die Umwelt des Schweins aus der Perspektive des Tieres und erweitern damit den Blickwinkel für den Tierschutz.
Im – seit 2002 im Grundgesetz verankerten – Tierschutzgesetz heißt es, dass „aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen“ seien. Der hier verwendete Begriff „Wohlbefinden“ spielt im Forschungsbereich Verhaltensphysiologie des FBN eine zentrale Rolle. Dabei geht es neben der Befriedigung grundlegender Bedürfnisse der Tiere wie Gesundheit, Nahrung, Wasser und ähnlichem um zwei wesentliche Aspekte, nämlich die Vermeidung von negativem Stress und Leiden sowie die Förderung positiver Emotionen.
Verhaltenswissenschaft und Neurobiologie betrachten Emotionen als einen Komplex aus drei Komponenten: Physiologie, Verhalten und Kognition (Wahrnehmung und Verarbeitung von Informationen). Genau hier setzt die Arbeitsgruppe Nutztierethologie an. Mit modernen verhaltensphysiologischen und bioakustischen Methoden, kombiniert mit aktuellen kognitionspsychologischen Ansätzen wird der Frage nachgegangen, wie das Wohlbefinden von Hausschweinen durch ihre Emotionen und Stimmungen geprägt wird. Dabei sind Emotionen reflektive Wahrnehmungen von Bewertungs- und Antriebszuständen mit kurzfristigen Reaktionen auf akute Ereignisse, während Stimmungen eher lang anhaltend sind.
Als psychophysiologische Stressparameter werden Hormone wie Katecholamine und Kortisol sowie die Herzfrequenz und deren Variabilität untersucht. Einen weiteren Schwerpunkt stellt die Bioakustik dar, also die Erforschung von Lauten, mit denen die Tiere in gewisser Weise ihren eigenen Zustand „kommentieren“ und ihn auf diese Weise uns Forschern zugänglich machen. Lautäußerungen, beim Schwein etwa Grunzen oder Schreien, können in klar definierten Situationen aufgenommen und anschließend am Computer ausgewertet werden.
Lautäußerungen aus verschiedenen Situationen lassen sich deutlich voneinander abgrenzen. Dies wird als Hinweis darauf gewertet, dass die Tiere die auslösenden Stressoren differenziert bewerten.
Nun dienen Vokalisationen evolutionär betrachtet nicht unserer Information, sondern vor allem der Kommunikation innerhalb der Art. Es gibt unterschiedliche Berichte darüber, was Stresslaute bei Artgenossen auslösen. Einerseits wird aus der Praxis berichtet, dass Schreie von Artgenossen weitgehend ignoriert werden. Andererseits aber werden Übertragungen von Stressreaktionen der Individuen auf die Gruppe geschildert. In so genannten Playbackversuchen wurde untersucht, welche Reaktionen junge Schweine auf artspezifische Stresslaute zeigen. Dabei wurden sechs Wochen alten Ferkeln für zwei Minuten entweder arteigene Stresslaute oder ein bedeutungsloser Kontrollton vorgespielt. Während dieser Zeit sowie jeweils zwei Minuten davor und danach wurden das Verhalten, die Herzfrequenz, und deren Variabilität ermittelt. Die Reaktionen der Versuchstiere zeigten eine allgemeine Orientierung auf plötzlich auftretende Geräusche: Die Tiere liefen weniger, vokalisierten selbst weniger und ihre Herzfrequenz sank. Die Reaktion auf Stresslaute war dabei durchaus von der Reaktion auf den neutralen Kontrollton zu unterscheiden.
Vokalisation und Herzfrequenz geben also Hinweise, wie Schweine auf ihre Umwelt reagieren und wie sie diese bewerten. Wie sich Stressbelastungen auf das subjektive Wohlbefinden auswirken, lässt sich an diesen Parametern jedoch nicht immer eindeutig klären. Denn anders als das Tierverhalten und physiologische Reaktionen lassen sich Bewertungsprozesse im Gehirn von außen nicht einsehen, wohl aber deren Auswirkungen auf bestimmte Verhaltensweisen oder Entscheidungen. Deshalb befasst sich eines unserer aktuellen Projekte mit kognitiven Reaktionen beim Schwein. Dazu werden die in der Humanpsychologie bekannten emotionsabhängigen Bewertungstendenzen analysiert. Einer Arbeitsgruppe aus England ist es kürzlich gelungen, solche Bewertungstendenzen – also Optimismus oder Pessimismus – bei der Laborratte als Folge guter bzw. schlechter Haltungsbedingungen nachzuweisen. Dieser Ansatz soll nun auf Schweine übertragen werden.
Nur wenn wir zuverlässig erkennen können, wie Nutztiere ihre Haltungsumwelt beurteilen, können wir im Rahmen des Tierschutzes das Wohlbefinden und tiergerechtere Haltungsverfahren fördern.


