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Prof. Dr. Gerold Rahmann

Dr. Kerstin Barth

Dr. Regine Koopmann

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Ökologische Tierhaltung - es gibt noch viel zu tun!

Worin unterscheidet sich die ökologische von der konventionellen Tierhaltung? Wird die ökologische Tierhaltung ihrem Anspruch gerecht? Wie kann die Wissenschaft helfen?

Der Ökologische Landbau basiert auf der Idee einer umweltfreundlichen, tiergerechten, die Lebensqualität steigernden naturnahen Landwirtschaft. Die deutschen Biobauern konnten 2009 Verkaufserlöse von 1,2 Mrd. Euro erwirtschaften, dies sind 3,2 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Erlöse. Die Tierhaltung hatte daran einen Anteil von 46 Prozent. Doch in vielen Bereichen, wie der Gesunderhaltung der Tiere, dem Tierschutz und der Fütterung, gibt es noch Entwicklungsbedarf, um den hohen Ansprüchen der Ökologischen Tierhaltung gerecht zu werden.

Tierschutz ist ein zentrales Ziel im Ökologischen Landbau und eines der wichtigsten Motive für den Kauf von Öko-Produkten. Tierhaltungspraktiken, wie Schnäbel kürzen, Schwänze koupieren oder das Enthornen sind nicht oder nur in Ausnahmen erlaubt. Den Tieren werden Mindeststallflächen sowie Ausläufe und Weidegang gewährt. Das Futter stammt bei Wiederkäuern zu 100 Prozent und bei Schweinen und Geflügel zu 95 Prozent aus Ökologischer Produktion. Tierarzneimittel dürfen nicht vorbeugend gegeben und nachweislich wirksame phytotherapeutische und homöopathische Präparate sollen bei kranken Tieren bevorzugt eingesetzt werden.

Auch wenn die Standards in der Regel gut und ausreichend für die Beschreibung tiergerechter Haltungssysteme sind, so sieht die Wirklichkeit leider häufig anders aus. Es gibt sehr viele Ausnahmegenehmigungen und teilweise eine wenig tiergerechte Haltung trotz Einhaltung aller Öko-Standards. Die Gute-Fachliche-Praxis wird in der Öko-Kontrolle nicht erfasst; kontrolliert werden nur die Buchführung und die Vorschriften, die per Betriebsbegehung erfasst werden können. Nachfolgend einige Beispiele, die ein gravierendes Image-Risiko darstellen können.

Viele Ställe bieten zwar mehr Platz für die Tiere, sind aber per se nicht unbedingt tiergerecht. Das Enthornen von Rindern und die Kastration von Ferkeln sind immer noch verbreitete Praxis. Für die Käfighaltung gezüchtete Hybridhennen zeigen auch auf Biobetrieben häufig Fehlverhalten; Federpicken und Kannibalismus sind bislang nicht gelöst. Die Lebensleistung von ökologisch gehaltenen Milchkühen ist nicht höher und der Tierarzneimitteleinsatz für die Therapie ist nicht wesentlich geringer als in der konventionellen Tierhaltung.

Eine 100%-Biofütterung wird eigentlich ab 2012 gesetzlich gefordert, birgt aber zum Teil erhebliche Risiken hinsichtlich Gesundheit und Produktqualität bei Schweinen und Geflügel, da es insbesondere an essentiellen Aminosäuren in den Futterrationen der Geflügel- und Schweinehaltung fehlt – die sogenannte Proteinlücke im Ökologischen Landbau. Bis Ende 2011 ist deshalb der Einsatz konventionellen Futters in bestimmten Anteilen erlaubt (z.B. Kartoffeleiweiß, Maiskleber). Die Verbände schreiben 50 % betriebseigenes Futter vor, für verbandsungebundene Öko-Betriebe gelten weniger strenge Vorgaben zur Herkunft der Ökofuttermittel.

Das Institut für Ökologischen Landbau beim vTI in Trenthorst befasst sich schwerpunktmäßig mit der Ökologischen Tierhaltung und bietet wissenschaftliche Unterstützung. Seit 2004 vergleicht das Institut zum Beispiel im Versuchsbetrieb die in der konventionellen wie in der ökologischen Milchproduktion weit verbreitete milchleistungsorientierte Deutsche Holstein – Schwarzbunt (DH) mit der standorttypischen Deutschen Rotbunten im alten Doppelnutzungstyp (Rbt). Im spiegelbildlich aufgebauten Stall werden die beiden Herden (je 50 Tiere) zwar getrennt voneinander, aber unter den gleichen Managementbedingungen (Aufstallung, Fütterung, Melken) gehalten. In einem langfristigen Monitoring werden zahlreiche Daten zur Leistung und zur Gesundheit rassespezifisch erfasst und miteinander verglichen.

Im Rahmen eines interdisziplinär angelegten Projektes, das durch das Bundesprogramm Ökologischer Landbau gefördert wird, wurde der sehr risikoreiche Zeitraum nach der Kalbung, in der die Milchproduktion kontinuierlich zunimmt und der Energiebedarf der Kuh oft nicht entsprechend gedeckt werden kann, näher untersucht. Die Ergebnisse zeigten, dass die leistungsstarken DH zwar einer stärkeren Stoffwechselbelastung als die Rbt ausgesetzt waren, aber dies nicht zwangsläufig zu einem häufigeren Auftreten von Erkrankungen führte. Hinsichtlich der Eutergesundheit – einem der bedeutsamsten Krankheitskomplexe in der Milchviehhaltung – waren die DH den Rbt sogar überlegen. Die einfache Formel, nach der höhere Leistungen zwangsläufig mit einer erhöhten Krankheitsanfälligkeit einhergehen, greift auf der einzelbetrieblichen Ebene somit einfach zu kurz.

Wir empfehlen ökologisch wirtschaftenden Landwirtinnen und Landwirten deshalb, die Rasse zu wählen, die zu ihnen und ihrem Betriebssystem passt, und die regionale Herkunft als zweitrangig zu betrachten. Davon unberührt bleibt die Forderung, alte lokale Rassen im Interesse der Biodiversität zu erhalten und zu nutzen. Weitere Beispiele finden Sie im vollständigen Artikel.

In den letzten zehn Jahren hat die wissenschaftliche Unterstützung der Ökologischen Tierhaltung bereits viel erreicht. Die Forschung mit Tieren ist langwierig und aufwändig. Die Wissenschaft muss klären, wie die

  • negativen Umweltwirkungen (Klimagase, Stäube, Gerüche, Nitrate) der Ökologischen Nutztierhaltung reduziert,
  • betriebseigene und lokale Ressourceneffizienz gesteigert,
  • Tiergesundheit und die Tiergerechtheit verbessert,
  • Produktqualität und die Produktionsmenge pro Tier erhöht und
  • Wettbewerbsfähigkeit auf globalen Märkten gesichert und gestärkt werden kann.

Es gibt noch viel zu tun.

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