Schweine mit Manieren?
Entwicklung einer Aufruffütterung für Wartesauen
Können agonistische Interaktionen mit einer Aufruffütterung für Wartesauen gesenkt werden? Was verbirgt sich hinter der „Aufruffütterung“?
Die Haltung von tragenden Sauen ist oft von einer reizarmen Haltungsumwelt und wenig positiven senso-motorischen Stimulationen gekennzeichnet. Hinzu kommen Rangordnungskämpfe in der Gruppenhaltung und Aggressionen vor der Futterstation durch restriktive Kraftfutterfütterung. Ziel dieser Untersuchung am FLI in Zusammenarbeit mit dem FBN und der Firma Pig Tek Europe GmbH war es, ein neues Fütterungssystem für trächtige Sauen in Gruppenhaltungen zu entwickeln und zu testen. Verbesserungen in der Tiergerechtheit und somit auch Tiergesundheit sollten erreicht werden. In dem Verbundprojekt wurden tragende Sauen auf ein individuelles akustisches Signal, in diesem Fall ein dreisilbiger Name, konditioniert und mit diesem in zufälliger Reihenfolge zu einer Futterstation gerufen. In einem Kontrolldurchgang wurden die Tiere mit einer praxisüblichen, baugleichen Abruffütterung gefüttert. Im Versuchs- und im Kontrolldurchgang wurden die Sauen im Drei-Wochen-Rhythmus als dynamische Großgruppe in einer großen Bucht (207 m²) mit eingestreuten Liegebereichen und Auslauf gehalten. Mittels Videoaufnahmen wurden vor der Futterstation agonistische Interaktionen, wie drohen, beißen, kämpfen, jagen oder verdrängen, zwischen den Tieren über jeweils vier Tage ausgewertet.
Ursache für die Auseinandersetzungen vor der Futterstation ist das hohe Tier-Fressplatz-Verhältnis und die sich daraus ergebende Konkurrenz um den Zugang zur Station, da die Tiere nur einzeln fressen können. Vor der Station werden die Sauen anhand eines am Ohr befestigten Transponders erkannt. Haben sie noch Anrecht auf Futter, erkennt dies der Steuerungscomputer und lässt das Tier in die Station. Hier bekommt es individuell dosiertes Futter zugeteilt.
Die vorliegende Untersuchung wurde in einem Drei- Wochen-Rhythmus durchgeführt, wobei die Herde in vier Untergruppen aufgeteilt war. Die Wartezeit vom Beginn der Trächtigkeit bis zum Abferkeln verbrachten die Sauen in einer dynamischen Großgruppe in einem umgebauten Kaltstall. Der Wartebereich war mit eingestreuten Liegebuchten und mit einem Auslauf ausgestattet.
Der Versuch gliederte sich in zwei Durchgänge. Im Kontrolldurchgang wurden die Sauen mit einer praxisüblichen Abrufstation gefüttert. Im darauf folgenden Versuchsdurchgang wurden die Tiere im Deckzentrum nach dem Belegen in kleinen Untergruppen an einer modifizierten Futterstation angelernt. Hierzu bekamen die Tiere zunächst bei spontanen Besuchen der Futterstation alle 10 Sekunden computergesteuert einen dreisilbigen individuellen Namen vorgespielt. Solche Namen waren zum Beispiel Edelgard, Griselda oder Beate. Während dieser Lernphase wurden die Tiere zweimal täglich gefüttert. Nach einer Woche wurden die Tiere noch im Deckbereich in zufälliger Reihenfolge zur Futterstation gerufen, um ihren Namen zu trainieren. Alle Sauen lernten ihren individuellen Namen.
Nach der 3. Trächtigkeitswoche wurde die Untergruppe in den Wartebereich zu den anderen Wartesauen umgestallt. Hier wurden die Tiere einmal täglich zur Futterstation gerufen. Vor der Futterstation wurden sowohl im Kontrolldurchgang als auch im Versuchsdurchgang Videoaufzeichnungen gemacht und auf agonistische Interaktionen ausgewertet.
Die agonistischen Interaktionen konnten von 0,23 bei der Abruffütterung auf 0,085 je Sau und Stunde signifikant reduziert werden. Insbesondere zu Beginn des Fütterungszyklus am Vormittag konnten die Auseinandersetzungen mit der Aufruffütterung auf ein Sechstel im Vergleich zur Abruffütterung reduziert werden. Entsprechend wurden bei der Aufruffütterung auch weniger Hautläsionen als Folge von Auseinandersetzungen beobachtet. Sauen, die nach dem Abferkeln erneut in den Deckbereich kamen, erinnerten sich auch nach 6 Wochen wieder an ihren zuvor gelernten individuellen Ruf.
Die agonistischen Interaktionen waren vor Integration jeweils einer Untergruppe bei der Aufruffütterung mit 0,37 pro Stunde und Sau signifikant geringer als bei der Abruffütterung (0,90). Nach Integration einer neuen Untergruppe wurde ebenfalls ein Rückgang der agonistischen Interaktionen verzeichnet. Zusätzlich zu den gesenkten agonistischen Interaktionen vor der Futterstation hatte die Aufruffütterung den positiven Effekt, dass verhältnismäßig weniger Tiere in solche Interaktionen integriert waren. Im Vergleich waren bei der Abruffütterung 70 Prozent der Sauen involviert, bei der Aufruffütterung nur 50 Prozent. Die Minderung der agonistischen Interaktionen in der Gruppe kann damit erklärt werden, dass die Zugangsberechtigung zur Futterstation durch die Aufrufe vorhersagbar wird.
Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die individuellen Aufrufe zur Futterstation und die Vorhersagbarkeit des Zugangs zur Futterstation die Konkurrenz um den Stationszutritt und damit verbundenes aggressives Verhalten reduziert.


